Quelle für Text und Bild: Süddeutsche Zeitung, 2.11.2011, S. 2, Aktuelles Lexikon
Griechenlands Finanzminister, Evangelos Venizelos, hat das Referendum über das Rettungspaket mit einem bedeutsamen Begriff begründet: Die Volksabstimmung sei ‘eine Katharsis in unserem Drama’, sagte Venizelos am Montag. Katharsis kennen viele Schüler aus dem Deutschunterricht. Dieser Begriff stammt aus Aristoteles’ Poetik, dem vielleicht folgenreichsten Buch über die Dichtkunst überhaupt. Aristoteles weist darin der Tragödie die Aufgabe zu, beim Zuschauer ‘Jammer’ und ‘Schauer’ zu erregen. Durch das Durchleben dieser beiden Emotionen käme es im Betrachter gleichsam zu einer Reinigung und Überwindung dieser Zustände. Der Katharsis wohnt also eine psychologische Komponente inne, was der Altphilologe Hellmut Flashar einmal so ausgedrückt hat: Sie sei ‘ein Brech- oder Abführmittel, das eine Erschütterung bewirkt, durch die ein Übermaß von Wärme oder Kälte besiegt und eine Ausscheidung hervorgerufen wird’. Viele Autoren haben später Aristoteles” Theorie verändert: Lessing zum Beispiel erweiterte den Katharsis-Begriff um das Tugendhafte: Die Affekte sollen nicht nur ‘ausgeschieden’, sondern veredelt werden. So eine Wirkung dürfte auch Athens Finanzminister im Sinn haben, wenn er dem Referendum eine Katharsis-Wirkung zuweist: Der Überschuss an Ablehnung im Volk könnte im Fall eines positiven Ausgangs dann endlich in Zustimmung umschlagen. hoc
Ein friedliches Bild, das täuscht: Athen stehen unruhige Monate bevor. Foto: AP/Petros Giannakouris
Leider erst nach der Studienreise meiner 4. MAR nach Rom entdeckt: die iPhone-App Rome MVR (MVR steht für mixed virtual reality). Das Programm dient gewissermassen als Zeitfenster in die Vergangenheit, indem es 3D-Grafiken, die zeigen, wie die jeweiligen Gebäude und Monumente zur Blütezeit Roms ausgesehen haben, in das Kamerabild des iPhones einblendet. In der Gratis-App ist das Kolosseum verfügbar, weitere Sehenswürdigkeiten sind kostenpflichtig. Der folgende YouTube-Film gibt einen Eindruck dieser tollen App.
Mit einem riesigen Panorama und einer glänzenden Ausstellung wird in Berlin die antike Metropole Pergamon zum Leben gebracht.
Illusionskunst zur Rekonstruktion des Altertums: Ausschnitt aus dem 360-Grad-Panorama, das jetzt als große Stahlrotunde für ein Jahr vor dem Eingang des Berliner Pergamonmuseums steht. Foto: dpa
Pergamonmuseum, Berlin, bis 30. September 2012. Info: www.pergamon-panorama.de. Der Katalog (Imhof Verlag) kostet 39.90 Euro.
Bericht in der Süddeutschen Zeitung vom 30.9.2011, S. 13
Die Binse, botanisch Juncus, ist eine Pflanze und wächst gern in Feuchtgebieten. Erkennen kann man sie auch daran, dass ihre runden Stängel anders als Süßgräser keine Knoten haben. So entstand im alten Rom die Redensart ‘quaerere in scirpo nodum’, Knoten an der Binse suchen: an einer Wahrheit herumdeuteln, die ohnehin offen zutage liegt. Laut Kluges Etymologischem Wörterbuch entstand vermutlich daraus der deutsche Ausdruck ‘Binsenweisheit’ für eine allgemein bekannte Information. Eine farbigere Herkunft liefert der Dichter Ovid, der von einem Musikwettstreit zwischen den Göttern Pan und Apoll berichtet. Schiedsrichter ist der greise Berggott Tmolus, der lauscht und Apoll mit seiner Leier zum Sieger erklärt. Einzig König Midas ist Pans einfache Flöte lieber. Daraufhin verpasst Apoll ihm beleidigt Eselsohren, die Midas unter einem Turban versteckt. Nur vor seinem Friseur kann er die Schande nicht verbergen, der die pikante Information in ein Erdloch schreit und es zuschüttet. Aus diesem wächst jedoch Gras, das, vom Südwind bewegt, die Wahrheit weiterflüstert, sodass eine Binsenweisheit daraus wird – wobei bei Ovid von harundo die Rede ist, Schilfrohr also, keine Binse.
Die archäologisch sensationelle Entdeckung ist virtuell zum Leben erwacht
Von einem “Sensations-Fund” war vergangene Woche die Rede – von den Resten einer römischen Gladiatorenschule, die auf dem Gelände des Parks in Petronell-Carnuntum (Bezirk Bruck a.d. Leitha) entdeckt worden war. Am Montag wurde die Forschungsarbeit vom Ludwig Boltzmann Institut für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie (LBI-ArchPro) detailliert präsentiert. Entgegen ersten Berichten wurde der im Boden gefundene Gebäudekomplex aber nicht ausgegraben, sondern virtuell zum Leben erweckt. Der Fund werfe ein neues Licht auf Leben und Sterben der römischen Gladiatoren.