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Römische Zeitrechnung

Der Kalender

«Sich ein Datum rot oder dick im Kalender anstreichen», sagen wir, um ein besonders wichtiges Ereignis festzuhalten. Die Römer markierten solche Tage, vor allem wenn sie Glück gebracht hatten oder Anlass zur Freude in der Zukunft waren, mit weissem Stein oder weisser Kreide.1 Den Geburtstag enger Freunde auf seinem Privatkalender zu vermerken – natürlich auch weiss! — war wohl recht üblich2. Unglückstage wurden mit schwarzer Farbe markiert; in manchen offiziellen Staatskalendern hiessen sie dementsprechend dies atri («schwarze Tage»). Termin- und Steckkalender wurden von «termingeplagten», «wichtigen» Leuten auf jeden Fall geführt, z.T. in Form von Wandkalendern; ob sie zur Standardausstattung eines Normalhaushaltes gehörten, ist dagegen zweifelhaft. Die individuell geführten Kalender waren Abschriften des offiziellen Kalenders, der in Rom und anderen Städten öffentlich aufgestellt war und als Grundlage des politischen, wirtschaftlichen und vor allem des religiösen Lebens diente.

Fasti Praenestini: In Praeneste gefundener römischer Festkalender
(ausgestellt im Palazzo Massimo alle Terme, Rom)

Etwa 40 dieser Steinkalender (fasti) sind in Fragmenten erhalten, darunter nur ein Exemplar aus vorjulianischer Zeit. Zusammen mit Ovids «Fasten», einem dichterischen Almanach der Feste, Zeremonien und Gedenktage in ihrer kalendarischen Abfolge (unvollendet; nur Januar bis Juni umfassend), erlauben sie es, den römischen Kalender im ganzen zuverlässig zu rekonstruieren.

Öffentlicher römischer Kalender (fasti), Filmset der preisgekrönten HBO-Serie «Rome» (Cinecittà, Rom)

Die Unterteilung des Kalenders

Die erste Spalte der Kalender besteht aus der von A bis H fortlaufenden und dann wieder mit A beginnenden Markierung der «Wochen»-Rhythmen, den sog. Nundinalbuchstaben (nundinae «Wochenmarkt, Markttag (alle neun Tage abgehalten)»). Wichtiger ist die zweite Kolumne: Sie gibt durch Siglen den Tagescharakter an, unterteilt die Tage, grob gesagt, in Werk- und Feiertage. Die wichtigsten Abkürzungen sind F (dies fasti, an denen Recht gesprochen werden durfte), C (dies comitiales, an denen Volksversammlungen abgehalten werden durften), N (dies nefasti; keine Rechtsprechung erlaubt: «Feiertage») und EN (dies endotercisi, halbe Werktage). Daneben gibt es einige Siglen, deren Bedeutung nicht ganz klar ist. In einer weiteren Spalte stehen die Kalendertage. Fixpunkte sind die kalendae «Kalenden» (der 1.), die nonae «Nonen» (5. oder 7.) und die idūs «Iden» (13. oder 15.). Die anderen Tage werden als der soundsovielte vor dem nächstfolgenden Fixtag gerechnet, wobei der Tag selbst und der Fixtag mitgezählt werden.


 

Der julianische Kalender

Die drei Fixdaten gehen auf eine sehr frühe Zeit zurück, als die Kalenden mit dem Neumond und die Iden mit dem Vollmond zusammenfielen;3 die Nonen waren rückwärts gerechnet der 9. Tag vor den Iden eines Monats.4 Zu diesen Angaben tritt dann bei bestimmten Daten noch die Bezeichnung der Feste, die auf diese Termine fielen. Damit ist der «amtliche» Teil des Kalenders abgeschlossen. Zusätzlich können je nach praktischer Bedeutung des Kalenders an seinem Aufstellungsort Spiele, Stiftungstage von Tempeln, Geburtstage von Kaisern oder andere Gedenktage eingetragen sein.

Die lateinische Bezeichnung für Kalender: fasti

Die lateinische Bezeichnung für Kalender ist fasti, «Verzeichnis der Gerichtstage». Die Römer haben den Kalender nie anders bezeichnet. Der moderne Begriff «Kalender» leiter sich von calendarium, «Schuldenverzeichnis»5 ab — so genannt, weil am 1. des Monats, an den Kalenden, üblicherweise Zinszahlungen fällig wurden.6 «Kalenden» wiederum kommt von calare «ausrufen».

Pontifices Kalendas calant

Es war ein dem pontifex maximus unterstellter Priester, der in der Frühzeit der Republik durch Himmelsbeobachtung den Eintritt des Neumondes festzustellen hatte. Daraufhin wurde dieses Ereignis dem Volk öffentlich auf dem Kapitol «ausgerufen» (calare). Genauer gesagt: Es wurde ihm mitgeteilt, wie lange es vom Tage der Ausrufung — eben den Kalenden — bis zum Eintritt des ersten Mondviertels, den Nonen, dauere. Das war keine blosse Formalität, denn auch nach Teilung des Jahres in zwölf (statt vorher zehn Monate, auf die die Bezeichnungen «September» bis «Dezember» noch verweisen) noch in der Königszeit7 war das Mondjahr mit seinen 355 Tagen gegenüber dem Solarjahr zehn Tage zu kurz, und deshalb mussten von Zeit zu Zeit Schaltmonate – bzw. -tage – eingeschoben (intercaliert) werden. Zwar gab es dafür grunssätzlich ein festgesetztes System, aber Missbrauch durch die Priester lag nahe und kam offensichtlich vor:8 Wenn z.B. die faktische Entscheidung darüber, an welchen Tagen Volksversammlungen abgehalten werden durften (dies comitiales), den aus dem Patriziat stammenden Priestern überlassen war, dann konnte man mit einer willkürlichen Festlegung solcher Termine durchaus in die Tagespolitik eingreifen.

Erst öffentlich aufgestellte, verbindliche Kalender brechen das Herrschaftswissen

Transparent war das System so lange nicht, wie es keine öffentlich aufgestellten, verbindlichen Kalender gab. Eine von den Plebejern lange Zeit erhobene Forderung war die nach Einsicht in die fasti.9 Aber es dauerte bis zum Jahre 304 v. Chr., bis man den Priestern ihr «Herrschaftswissen» entringen konnte: Damals veröffentlichte Cn. Flavius, ein Sekretär des Appius Claudius, den ersten Kalender in Rom — gegen den Widerstand der Patrizier.10 Ein epochemachender Fortschritt, durch den zum ersten Mal Stabilität und vor Manipulationen schützende Sicherheit in den römischen Kalender gebracht wurden. Seitdem konnte sich jeder informieren. Der «Charakter» eines Tages brauchte nicht mehr von den Priestern «wie von den Astrologen erfragt zu werden».11

Caesars Kalenderreform

Intercaliert werden musstefreilich nach wie vor. Erst die Kalenderreform Caesars im Jahre 46 v. Chr. machte mit den Schaltmonaten (menses intercalares) Schluss, indem sie das astronomische Jahr von 365 Tagen einführte. Fortan war nur noch ein Schalttag alle vier Jahre notwendig, der abwechselnd auf den 24. bzw. 25. Februar gelegt wurde.
Mit nur geringen Veränderungen hat dieser julianische Kalender bis heute Bestand.12 Er garantierte eine bis dahin überhaupt nicht selbstverständliche Kalendersicherheit, durch die das öffentliche Leben freilich viel stärker geregelt und normiert wurde als der Alltag des Durchschnittsrömers.

Die Monatsnamen

  • IANUARIUS: nach dem Gott Janus — der doppelköpfige Gott Janus blickt zugleich ins alte und neue Jahr; ianua, «Schwelle», zum Neuen Jahr
  • FEBRUARIUS: nach dem am Jahresende gefeierten Reinigungsfest februa; der Reinigungsmonat im kultischen Sinne; auch zur Vorbereitung der neuen Saaten
  • MARTIUS: zu Ehren des Kriegsgottes Mars
  • APRILIS: Etymologie umstritten; möglicherweise Ableitung von etruskisch apru, «Aphrodite», oder von aperire, «öffnen»: die Natur «öffnet sich»13
  • MAIUS: wahrscheinlich nach der Göttin Maia, die für Wachstum und Vermehrung zuständig war; also der «Wachstumsmonat»14
  • IUNIUS: wohl zu Ehren der Juno so genannt
  • IULIUS: ursprünglich QUINCTILIS (quintus), «der fünfte Monat»; seit 44 v.Chr. nach C. lulius Caesar benannt
  • AUGUSTUS: ursprünglich SEXTILIS (sextus), «der sechste Monat»; im Jahr 8 v. Chr. zu Ehren des Augustus umbenannt
  • SEPTEMBER: von septimus, «siebter Monat»
  • OCTOBER: von octo, octavus, «achter Monat»
  • NOVEMBER: von novem, nonus, «neunter Monat»
  • DECEMBER: von decem, decimus «zehnter Monat»

Jahreszählung und Jahresbeginn

Die Bezeichnung und die Zählung der Jahre erfolgten bei den Römern im Lauf der Zeit auf verschiedene Weise. Von alters her benannte man das Jahr nach den Konsuln. So wurde etwa die Verschwörung des Catilina Marco Tullio Cicerone Gaio Antonio consulibus «unter dem Konsulat des M. Tullius Cicero und des Gaius Antonius» aufgedeckt. Diese traditionelle Zeitrechnung beruhte auf der Liste der Jahresbeamten, der fasti consulares.15 Weil sie die Amtsjahre der Beamten festhielten, und besondere Ereignisse nach den Amtsjahren datiert wurden, trat die Zählung nach Kalenderjahren lange Zeit in Rom zurück.
Zur Zählung der Jahre ihrer Geschichte wählten die Römer als festen Bezugspunkt am Ende des 4. Jh.s v. Chr. zunächst die Einweihung des Tempels des Jupiter auf dem Kapitol. Damals nahm man an, dies sei am 13.9.507 v. Chr. geschehen, und zwar nach der Vertreibung der Könige. In der Zeit der ausgehenden Republik setzte sich dann als Bezugspunkt das vermeintliche Datum der Gründung der Stadt durch, sodass man seit dieser Zeit ab urbe condita zählte.16 Im Jahr 525 n. Chr. wurde diese Zählung abgelöst durch die post Christum natum, nach Christi Geburt, und dementsprechend rechnete man dann auch ante Christum natum.

Die Woche

Zunächst galt in Rom (vgl. oben) die Zeit zwischen zwei Markttagen als Achttagewoche. Die Bezeichnung nundinum («(achttägige) Woche»), und nundinus, -a, -um («zu neun Tagen gehörig») erklärt sich daraus, dass man hierbei beide Markttage mitzählte. Die Siebentagewoche, die in ihrer Dauer in etwa einem Viertel des Mondumlaufs entspricht, setzte sich unter orientalischem Einfluss in Rom erst zu Beginn der Kaiserzeit allmählich durch. Die Wochentage wurden nach Sonne, Mond und den damals bekanntesten Planeten benannt.

Römischer Steckkalender: Oben die Götter, nach denen die Wochentage benannt sind: dies Saturni (Samstag), dies Solis (Sonntag), dies Lunae (Montag), dies Martis (Dienstag), dies Mercurii (Mittwoch), dies Iovis (Donnerstag), dies Veneris (Freitag). In der Mitte die Tierkreiszeichen als Symbole für die Monate; links und rechts Stecklöcher für die Tage, auf der Kreislinie die Löcher für die Kalenden und Iden.

Tag und Nacht, Tagesablauf und Zeiteinteilung

Der einzelne Tag wurde vom Aufgang bis zum Untergang der Sonne, und zwar unabhängig von der durch die Jahreszeiten bedingten unterschiedlichen Länge der Tage, in 12 Stunden eingeteilt. Der Tagesablauf in Rom war viel mehr als heutzutage dem natürlichen Rhythmus von Tag und Nacht unterworfen, zumal die Menschen in der Antike nicht die Möglichkeit hatten, die Zeit in Minuten oder gar Sekunden zu unterteilen. Die damals gebräuchlichen Uhren (Sonnen- und Wasseruhren) erlaubten keine genaue Bestimmung der Stunden (horae), deren zwölf den Tagesablauf zwischen Sonnenaufgang und -Untergang regelten. Die prima hora begann mit dem Aufgang der Sonne. Im Allgemeinen begnügte man sich mit ungefähren Zeitbestimmungen wie mane (früh), ante oder ad meridiem (vor oder gegen Mittag) oder sub vesperum (gegen Abend). Die Nacht umfasste vier vigiliae von je drei Stunden, die ebenfalls unterschiedlich lang waren.
Die Stunden dauerten also nicht wie bei uns immer 60 Minuten, sondern waren aufgrund der Jahreszeiten unterschiedlich lang; so fiel die fünfte Stunde im Winter auf die Zeit von etwa 10:30 bis 11:15 Uhr, im Sommer hingegen von etwa 9:30 bis 10:45 Uhr. Man könnte leichter eine Einigung unter Philosophen als unter Uhren erzielen, scherzte Seneca.17 Sonnenuhren gab es seit dem 1. Punischen Krieg, und ihre Überwachung wurde den Zensoren übertragen. Man liess den Zeigerschatten auf eine in Felder ein geteilte Marmortafel fallen. Wasseruhren griechischer Herkunft, die nach dem Prinzip unserer Eieruhren (Sanduhren) arbeiteten und die den Vorteil gehabt hätten, dass man sie auch nachts und bei Nebel ablesen konnte, gab es zwar seit 159 v. Chr., sie waren aber nicht weit verbreitet.
Die Römer waren Frühaufsteher. Man besuchte sich mit Vorliebe morgens (salutatio matutina), sei es, um als Klient dem Patron seine Aufwartung zu machen, sei es, um politische oder geschäftliche Gespräche zu führen. Überhaupt lag der Schweipunkt der vielfältigen Tätigkeiten, die die Römer je nach Stand oder Interesse ausübten, in den Vormittagsstunden. Um die fünfte Stunde war Rom von Geschäftslärm aller Art erfüllt.

Dies fasti – nefasti

Im Kalender, der regelmässig von den pontifices bekanntgegeben wurde, waren die Tage eingeteilt in dies F(asti), an denen man Rechtsgeschäfte aller Art abschliessen konnte und an denen Gerichtsversammlungen stattfinden konnten, und in dies N(efasti). An diesen Tagen waren derartige Tätigkeiten untersagt, weil sie religiöse Festtage waren (dies festi; feriae).

Dies religiosi und atri

Im Begriff dies religiosus wirkt die ursprünglich doppelsinnige Bedeutung von religio18 insofern nach, als an den dies religiosi weder im öffentlichen noch im privaten Bereich etwas Neues unternommen werden durfte; sie galten nämlich als unheilvolle Tage. So war der 18. Juli, der dies Alliensis, an dem die Römer 387 v. Chr. ihre schwere Niederlage an der Allia erlitten, ein für alle Zukunft belasteter Tag. Zu dieser Gruppe von Tagen gehören auch die dies atri, die Schwarzen Tage. Sie folgten auf die Kalenden, Nonen und Iden eines Monats. An diesen 36 Tagen im Jahr fanden auch keine offiziellen Kultfeiern statt.

Quellen:
H. Krefeld, Res Romanae, Berlin, 1997, S. 208f., 257–259
K.-W. Weeber, Alltag im alten Rom – Das Leben in der Stadt, Düsseldorf 2000, S. 195–199

  1. Cat., c. 68,148; 107, 6; Plin., ep. VI 11,3
  2. Mart. IX 52
  3. Plut., Mor. 269d
  4. Varro VI 28
  5. Sen. ep. 87,7
  6. Dig. XII 1,40
  7. Cic., leg. II 29
  8. Macr., sat. I 14,1
  9. (Liv., auc IV 3,9
  10. Macr., sat. I 15,9
  11. Cic., Mur. 25
  12. Der julianische Kalender ist durch Papst Gregor XIII. 1582 noch geringfügig verbessert worden. Seit jenem Jahr bildet der gregorianische Kalender die Grundlage unserer Zeitrechnung.
  13. Varro LL VI 33
  14. Ov., fast. V 110; Macr., sat. I 12,21
  15. Die Namen der höchsten Beamten des jeweiligen Jahres, d. h. im Normalfall die der Konsuln, wurden seit dem 3. Jh. v. Chr. von den pontifices in einer Liste festgehalten (fasti considares).
  16. In der Zeit der späten Republik setzte sich der Altertumsforscher M. Terentius Varro (116-27 v. Chr.) mit seinem Vorschlag durch, den 21. April 753 v. Chr. als Gründungsdatum der Stadt zu betrachten. Auf diesen Ansatz bezog man in der Kaiserzeit die römische Jahreszählung ab urbe condita (a.u.c.).
  17. Sen., Apocol. 2.3: facilius inter philosophos quam inter horologia conueniet.
  18. Zum Begriff religio: Römische Religion ist ihrem Wesen nach vornehmlich Kultausühung, d.h. gewissenhafte Erfüllung göttlicher Weisungen. In früher Zeit konnte religio auch eine übertriebene Ängstlichkeit in kultischen Dingen kennzeichnen. Bereits in republikanischer Zeit wurde der negative Gebrauch durch den Begriff der superstitio ersetzt. Die doppelsinnige Bedeutung ist in einzelnen Bereichen (Kalender/Grabkult) noch erhalten: Ein dies religiosus bezeichnete den unheilvollen, durch eine Katastrophe für alle Zukunft belasteten Tag; ebenso betonte ein locus religiosus meist den Bezug zur Unterwelt (Grabstätten), wo besondere Scheu angebracht war.