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Herbert Hefter, Alkibiades — Staatsmann und Feldherr, Darmstadt 2011

Besprechung von Johan Schloemann in der Süddeutschen Zeitung vom 24. Mai 2012:

Der schönste, schlauste und verschlagenste aller Griechen: Eine neue Biografie über den Populisten und Militärstrategen Alkibiades

Alkibiades, Sohn des Kleinias, war für das Publikum im demokratischen Athen so etwas wie eine Mischung aus Karl-Theodor zu Guttenberg, Gerhard Schröder und Diego Maradona. Er war von allerfeinster aristokratischer Herkunft, eine Ausnahmeerscheinung, verwöhnt, exzentrisch und rücksichtslos, von Anfang an imprägniert mit der Überzeugung, allen anderen Bürgern überlegen zu sein. Er trug lange Haare und Luxuskleidung, war heiss begehrt von päderastischen Männern und affärenhungrigen Frauen. Er war für jeden Sex- oder Blasphemie-Skandal zu haben, doch immer wieder erlagen die Leute seiner Ausstrahlung und verziehen ihm vieles.

Zugleich stellte sich Alkibiades, genau wie sein Ziehvater, der grosse Staatsmann Perikles, als Adelsspross in den Dienst der athenischen Demokratie. Es war gerade die im fünften Jahrhundert vor Christus etablierte radikale Direktdemokratie, die charismatischen Elitenpersönlichkeiten in Athen politische Wirkung ermöglichte. Der eloquente Machtmensch Alkibiades verband Bildung — Sport, Jagd, Tanz, Musik, Literatur, Philosophie — und hedonistische Eleganz mit skrupelloser Gewalt und Schlitzohrigkeit. Die einfachen Bürger, die letztlich per Mehrheitsentscheid in der Volksversammlung über die Geschicke der Stadt zu entscheiden hatten, fürchteten, aber liebten diesen Mann. Sie waren im dem Masse stolz auf ihn, wie er ihren Stolz weckte, Athener zu sein. Obwohl er mit gewagten Manövern einiges Unglück über Athen brachte, verehrte man Alkibiades wie einen Fliegerhelden im Zweiten Weltkrieg, der zugleich seinen durchtrainierten Körper wie ein Calvin-Klein-Model der Öffentlichkeit präsentiert.

Man nehme nur einmal ein einzelnes Jahr, nämlich 416 v.Chr.: In diesem Jahr überlebte Alkibiades ein Scherbengericht, also eine Abstimmung über eine mögliche Verbannung aus der Heimat. Im selben Jahr setzte er die denkbar brutalste Eroberung, ja Vernichtung der widerspenstigen Insel Melos durch — die erpresserischen ‘Verhandlungen’, die die Athener damals mit den Meliern führten, gelten in der Form, in der der Historiker Thukydides sie wiedergibt, als die klassische Formulierung des realpolitischen Rechts der Stärkeren.

Das Jahr 416 sah aber auch Alkibiades wie einen Showstar bei den Olympischen Spielen antreten — mit gewaltigem Aufwand gelang es ihm, den ersten, zweiten und vierten Platz in der Disziplin des Pferderennens mit seinen Gespannen zu gewinnen. Und im selben Jahr 416 spielt auch das ‘Symposion’ von Platon, der grosse Dialog über die Liebe. Da platzt Alkibiades als betrunkener Party-Crasher in die gepflegte Diskussion des Gastmahls hinein, begleitet von einem musikalisch-erotischen Gefolge, und er schwärmt dann in hohem Ton von seinem geliebten Sokrates, der Zentralfigur des Gesprächs. Von Sokrates wurde Alkibiades philosophisch geschult und erotisch gereizt. Der Weise wiederum, so heisst es in Hölderlins Gedicht, neigt eben im Alter dem Schönen zu.

Doch Mässigung und Wahrheitssuche waren des Schülers Sache nicht. ‘Man sollte keinen Löwenwelpen in der Stadt aufziehen’, heisst es in einer zeitgenössischen Komödie: ‘Wenn der Löwe erwachsen ist, muss man sich ihm fügen.’Und das taten die Athener auch immer wieder, trotz atemberaubender Seitenwechsel.Bei allen Spleens und historischen Besonderheiten gilt: Jeder Populist kann bis heute von Alkibiades lernen.

Damals kämpfte Athen nicht gegen den IWF oder Angela Merkel, sondern gegen den Rivalen Sparta. Alkibiades, im Jahr 420 erstmals zum Strategen gewählt, versuchte alles, mit raffinierter Bündnispolitik und militärischen Tricks. Er überredete die Athener zum fatalen Ausgreifen mit einer Riesenflotte nach Westen — die Expedition nach Sizilien kostete schliesslich über 10000 Bürgersoldaten plus Verbündete das Leben. Sizilien war das Vietnam Athens. Alkibiades, der schon vorher wegen einer Blasphemie-Anklage des Kommandos enthoben wurde, machte sich davon, wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt und tauchte ausgerechnet beim Erzfeind Sparta auf, wo er sich als Berater im Krieg gegen die eigene Heimatstadt andiente.

Das blieb noch lange nicht die letzte unglaubliche Volte; Alkibiades wechselte zum Satrapen des persischen Grosskönigs im Westen der heutigen Türkei, führte Geheimverhandlungen mit den antidemokratischen Putschisten in Athen, um sich dann wiederum zu den demokratiefreundlichen athenischen Truppen zu schlagen, die auf Samos stationiert waren. Diese empfingen ihn nach all dem Hin und Her wieder als Erlöser – seine persönliche Wirkung muss enorm gewesen sein. Im Osten, zwischen Hellespont und Bosporus, gelang ihm auch mit dem Sieg in der Seeschlacht von Kyzikos (410) seine genialste taktische Leistung, die bis heute von Militärhistorikern wie Donald Kagan studiert wird. Der Peloponnesische Krieg gegen Sparta ging trotzdem verloren, Alkibiades starb 404v. Chr. auf der Flucht in Asien durch ein Attentat in den Armen einer Hetäre. Die Nachwelt fragte immer wieder: Was hätte er mit seinen Fähigkeiten in anderer historischer Lage erreichen können?

Der Wiener Althistoriker Herbert Heftner hat jetzt eine Biografie über Alkibiades geschrieben. Sie ist deutlich nüchterner und braver als ihr Gegenstand, enthält aber alles, was man heute über Alkibiades wissen und sagen kann. Das Buch sieht ihn als ‘Repräsentativfigur einer glanzvollen, aber labilen und in sich widersprüchlichen Epoche’. Nach der Lektüre kann man auch in unseren Zeiten wieder nach solchen Figuren Ausschau halten. JOHAN SCHLOEMANN

HERBERT HEFTNER, Alkibiades — Staatsmann und Feldherr, Darmstadt 2011

(SZ vom 24.05.2012)

Prof. Dr. Walter Scheitel und Elijah Meeks (beide Stanford University) eröffnen mit dem Stanford Geospatial Network Model die Möglichkeit, Reiserouten im Imperium Romanum des 2. Jh. n. Chr. darzustellen, wie man es von Google Maps etc. kennt. Es lassen sich Kosten und Zeitbedarf errechnen; auch die Art (schnellste, kürzeste, billigste Route) und Weise einer Reise (zu Fuss, mit Maultier, Pferd, Ochsenkarren etc.) lassen sich vorbestimmen. Je nach Jahreszeit kann es zu Abweichungen der Routen kommen, da bestimmte Wege nicht immer offenstehen. So werden z.B. für Seereisen je nach Monat Wind, Strömung und Wellenhöhe berücksichtigt. Das Modell basiert auf einer vereinfachten Version des riesigen Netzes von Städten, Strassen, Flüssen und Seewegen, welches um das Jahr 200 n. Chr. bestand, einige Städte und Strassen, die erst in der Spätantike angelegt wurden, sind ebenfalls in die Liste der 751 Orte und Objekte aufgenommen worden.

Stanford Geospatial Network Model: http://orbis.stanford.edu
Vollständige englische Beschreibung: hier (PDF)
PPT-Folien des Entwicklers des Systems (Elijah Meeks): hier (Google-Doc)

Karthago—London (grün: billigste, gelb: kürzeste, magenta: schnellste Route)

Catull, Carmen 51

Moritura te salutat

Seite entdeckt via: www.swisseduc.ch/altphilo/news
«Es muss offenbar die deutsche ZEIT sein,
die die Schweizer darauf aufmerksam macht.»

Artikel aus: ZEIT ONLINE (12.4.2012) | PDF

Fast unbemerkt verschwindet das Latein, einst Fundament einer bürgerlichen Bildung, aus den Schulen.

Es ist, als liege da einer im Sterben — und keinen kümmert’s. Wer sich durch die Schweizer Bildungslandschaft fragt, bekommt beim Thema Latein im schlechtesten Fall Unwissen, im häufigsten Fall Gleichgültigkeit und im besten Fall leises Bedauern zu hören. In einem aber sind sich alle Befragten einig: Latein ist eine Todgeweihte, eine moritura, um es in der toten Sprache zu sagen. Fragt man nämlich das Fachpersonal, ob ein junger Mensch heute noch guten Gewissens die Laufbahn als Lateinlehrer einschlagen könne, herrscht an den Pädagogischen Hochschulen die einhellige Meinung: »Bloß nicht. Das Fach wird verschwinden.«
Die wenigen gesamtschweizerischen Zahlen, die zu erhalten sind, sprechen eine deutliche Sprache. So wie sich das Latein aus der katholischen Kirche verabschiedet, verschwindet es aus der Schule. Laut Bundesamt für Statistik haben im vergangenen Jahr bloß noch 1045 Schülerinnen und Schüler ihre Matur an einem Gymnasium mit Schwerpunktfach Alte Sprachen (Latein und Griechisch) abgelegt. Und das bei insgesamt 18.000 Maturandinnen und Maturanden. 2008 waren es immerhin noch 1.204, die ihre höhere Reife in diesem Schwerpunktfach erlangt hatten. Dagegen boomen seit Jahren Fächer wie Biologie und Chemie oder Wirtschaft und Recht.
Dies ist erstaunlich, gehörte doch Latein einst zum Fundament einer bürgerlichen Ausbildung und war es das Kernfach schlechthin im Gymnasium. Schließlich steht das Latein an der Wurzel vieler Sprachen, auch des Englischen. Es ist die europäische Ursprache.
Latein war in der Schule anerkannt als ein Unterrichtsfach, das Sprachkompetenz, logisches Denken und historisches Wissen in einem vermitteln kann. Diverse Studien belegen unterdessen, dass Lateinschülerinnen und -schüler später viel erfolgreicher im Studium und im Berufsleben sind als andere. Kurz: Wer Latein kann, gehört später eher zur gesellschaftlichen Elite. Aber die Botschaft wird nicht gehört. Ganz anders in Deutschland, wo die tote Sprache an den Gymnasien munter weiterlebt und einen hohen Stellenwert genießt.
In der Schweiz ist das Verschwinden des Lateins eine Geschichte des Verschweigens. 1995 erließ die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) das neue Maturitäts-Anerkennungsreglement (MAR). Dieses erlaubte es den Schülerinnen und Schülern, Latein nach der Sekundarstufe I, also nach dem 9. Schuljahr, zugunsten anderer Schwerpunktfächer aus dem Stundenplan zu streichen. Plötzlich stand das Latein in direkter Konkurrenz zu Fächern, die einen unmittelbareren Nutzen im späteren Berufsleben versprachen. Diese Umstrukturierung hatte einen dramatischen Effekt: Der Anteil der Lateiner an der Gesamtschülerschaft sank schlagartig von vorher 20 bis 25 Prozent auf heute rund 3 Prozent. Das nahm man hin. In vielen Kantonen geht der Trend heute dazu, Latein in der Sekundarstufe I nur noch als Wahl- oder gar als Freifach anzubieten. Aber es kam beinahe noch schlimmer: In den Planungen zum Lehrplan 21, der 2014 in Kraft treten und die unterschiedlichen Lehrpläne der Volksschule besser aufeinander abstimmen soll, kam das Latein anfangs gar nicht vor. Man hatte es schlicht und einfach vergessen.
Erst die Intervention ein paar unentwegter Lateinlehrer konnte verhindern, dass diese Sprache völlig verschwindet. Vor fünf Jahren gründeten sie die Arbeitsgruppe »Latein macht Schule«. Nicht zuletzt dank ihres Einsatzes haben sich immerhin sechs Kantone entschlossen, im Rahmen des Lehrplans 21 einen Latein-Lehrplan zu erarbeiten. Das war aber harte Arbeit, die Gruppe führte viele Gespräche mit Politikern und Beamten. Martin Müller, Lateinlehrer am Gymnasium Liestal und Fachdidaktiker an der Fachhochschule Nordwestschweiz, zieht aus diesen Begegnungen eine bittere Bilanz: »Die meisten Bildungspolitiker haben heute das Gefühl, Latein sei nicht mehr relevant. Sie richten sich nach dem Trend und räumen stattdessen den Naturwissenschaften mehr Platz ein. Damit meinen sie, ihre Pflicht getan zu haben. Dabei ist dies eine wenig sinnvolle Maßnahme.«
In der Tat werden einflussreiche Naturwissenschaftler wie etwa Heidi Wunderli, Rektorin der ETH Zürich, und deren Präsident Ralph Eichler nicht müde, den hohen Wert einer altsprachlichen Bildung für eine naturwissenschaftliche Karriere zu betonen. Das weiß auch der Lateiner Martin Müller und sagt: »Die Bildungspolitiker aber hören diesen Naturwissenschaftlern nicht zu und setzen lieber ein intellektuelles Potenzial aufs Spiel. So vernachlässigen sie sträflich die katalysatorische Wirkung des Lateins im Fremdsprachenunterricht.« Müller, der auch im Vorstand des Schweizerischen Altphilologenverbands sitzt, vertraut weiterhin auf die Bildungsqualitäten des Lateins und kämpft mit Gleichgesinnten dafür, dass Latein auf Sekundarstufe I und II ein promotionswirksames, also ein Fach bleibt, das über den schulischen Erfolg eines Jugendlichen mitentscheidet. Und das bitte mit mindestens drei Wochenstunden.
Das wird ein schwieriges Unterfangen werden. Denn an vielen Schweizer Universitäten wackelt das Lateinobligatorium. Im Zusammenhang mit der Einführung von »Creditpoints« und Bachelor-Master-System wurde das Lateinobligatorium für viele Fächer abgeschafft. Um an der Universität Luzern zu studieren, muss man gar kein Latein können. Und an der Universität Basel ist das Latinum nur noch für die Altertumswissenschaften obligatorisch, an der Universität Zürich, der lateinfreundlichsten Hochschule der Schweiz, noch für drei Dutzend Fächer der philosophisch-historischen und der theologischen Fakultät. »Auch wir«, sagt Sylvia Läng, Kommunikationsbeauftragte der Uni Zürich, »überprüfen das Lateinobligatorium ständig. Nächste Anpassungen könnten in der Studienordnung des Jahres 2013 erfolgen.« Mit ein Grund für die abnehmende Akzeptanz des Lateins an den Hochschulen ist ihre zunehmende Internationalität. Der Kampf um hervorragende ausländische Studierende hat seinen Preis. Wirbt die Uni etwa um einen talentierten chinesischen Forscher, will sie ihn nicht vergraulen, indem sie ihm noch das Erlernen des Großen Latinums zumutet.
Aber wenn nicht einmal mehr die Hochschulen ans Latein glauben, entfällt der Druck und für viele Schülerinnen und Schüler auch die Motivation, an der Schule ein anspruchsvolles Schwerpunktfach wie Latein zu wählen.
Diese Entwicklung ist aber nicht nur einem allgemeinen gesellschaftlichen Trend zu einem unmittelbaren Nutzen geschuldet, auch die Lateiner selbst müssen sich an der Nase nehmen. Sie haben es bis heute nicht geschafft, das Image eines Fachs loszuwerden, das mehr erdauert denn mit Freude erlernt sein will.
Jahrelang hat man die Schülerinnen und Schüler mit bis zu sechs Wochenstunden Latein und oftmals recht einfältigen Lehrmethoden gequält. Im Kanton Zürich ist der Stellenwert des Lateins ungebrochen hoch, man will, laut Auskunft der Bildungsdirektion, daran festhalten.
Auch wenn sich heute viele Lateinlehrer mit Leib und Seele für eine lebendige Vermittlung ihrer toten Sprache hingeben, der Zug für eine Reanimation scheint abgefahren. Nur Projekte, in denen das Latein quasi im Seitenwagen mitfährt, finden Anklang. So stößt etwa eine duale Matur manchenorts auf Begeisterung. Naturwissenschaftliche Fächer werden dort auf Englisch gelehrt, gleichzeitig bekommt das Latein viel Raum. Man könnte auch sagen, dass hier das klare Bekenntnis zum Elitären belohnt wird.
Eins haben aber die Lateiner mit Sicherheit nicht verdient: dass ihre Sprache diskussionslos den stillen Tod stirbt.

Sabine Spitzer, Thüringer Allgemeine, 14.04.2012
(Text als PDF)

Österreichs Bildungsminister Karlheinz Töchterle plädiert in Erfurt für eine Rückbesinnung auf alte Sprachen

Karlheinz Töchterle, Österreichs Bundesminister für Wirtschaft und Forschung, in Erfurt. Foto: Marco Kneise

Erfurt. Hat eine tote Sprache wie Latein Zukunft? Ja, ist Bernhard Zimmermann sicher. Der Vorsitzende des Deutschen Altphilologenverbandes erklärt: «Mit Latein können Schüler modellhaft lernen, wie Sprache funktioniert und damit die eigene Sprache mit ihrer Grammatik besser verstehen.»
Diese Ansicht vertritt auch Karlheinz Töchterle, Österreichs Bundesminister für Wissenschaft und Forschung. Er meint sogar, dass Latein beitragen könne, die derzeitige Krise insbesondere im Bildungssystem zu bewältigen. Denn in keiner anderen Sprache sei das europäische Denken so verankert wie im Lateinischen. «Die antike Welt bietet hier einen unerschöpflichen Fundus», sagte er zum Abschluss des Bundeskongresses der Deutschen Altphilologen am Freitag in Erfurt.
Gerade in einer Krise gebe es Rückbesinnungen, also Renaissancen, die eine Erneuerung zur Folge hätten. Diese Renaissancen — so habe die Geschichte gezeigt — seien meist auf sprachlicher und literarischer Ebene. Daher setzt Töchterle auf die Bildung in alten Sprachen. Die Lehrer sollten jetzt aus ihrer Defensive kommen, in die sie in den vergangenen Jahren wegen des Aufkommens moderner Sprachen geraten sind.
Bernhard Zimmermann sieht die alten Sprachen in Deutschland bereits wieder im Aufwind. »Mehr als 30 Prozent aller deutschen Schüler lernen Latein», sagt er. Und er wünschte sich, es würden mehr. Denn das Lateinische kann auch die Integration fördern. So hat eine Studie gezeigt, dass Schüler mit Migrationshintergrund schneller und leichter Zugang zur deutschen Sprache und Kultur finden, wenn sie Latein lernen. «Es gab bereits Bewegungen, Latein ab der vierten Klasse zu integrieren», berichtete Zimmermann. Doch der Schulversuch scheiterte am Geld, bedauert Zimmermann.
Deutschland mangelt es derzeit an Lateinlehrern. Und in spätestens zehn Jahren sieht der Altphilologen-Chef bereits jetzt einen Überschuss an Lehrern. «Die Fehler liegen bei der Politik», kritisiert Zimmermann. Ihm könne niemand weismachen, dass 1995 noch nicht vorausgesehen werden konnte, dass der Staat auf einen Lehrermangel zusteuere. «Politiker denken immer nur in Wahlperioden», wünscht er sich mehr Voraussicht.
Dass die alten Sprachen eine Menge Potenzial bieten, sieht er genauso wie Karlheinz Töchterle. Als Beispiel führt er den griechischen Philosophen Epikur an, dessen Lebensweisheiten, seine Staats- und Moralphilosophien heute wieder zahlreiche Menschen ansprechen. «Daher sollten alte Sprachen mehr ins Bewusstsein rücken.»