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Cicero-Weisheit zum Ferienbeginn

Marcus Tullius Cicero (106–43 v. Chr.)
Politiker, Anwalt, Schriftsteller, Philosoph

Mihi enim liber non videtur,
qui non aliquando nihil agit.

Der scheint mir nämlich nicht frei zu sein,
der nicht hie und da einmal gar nichts tut.

(Cicero, de oratore 2,24)

Vokabeltraining Actio

Pünktlich vor Beginn der Sommerferien präsentiert der Latinisator mit Flashcard ein neues Online-Tool zur Wörterrepetition:

Bei jedem neuen Laden dieses Posts werden neun zufällige Wörter der Lektion 8 (Actio) als Kärtlein dargestellt. Wenn der Mauszeiger über ein Kärtlein geführt wird, dreht sich dieses. Viel Spass beim Lernen! Wörterkärtchen der Lektionen 1–20 finden sich hier.

Neun zufällige Wörter aus Actio 8

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Wie die Schule zu den Schülern kam

In der Europabeilage der Süddeutschen Zeitung vom 31.5.2012 liefert Burkhard Müller eine sehr knapp gefasste, lesenswerte «Bildungsgeschichte Europas»:

Raffael, La scuola di Atene (1510–1511) — Fresko in der Stanza della Segnatura des Vatikans

Die Bildung begann als reines Vergnügen. Griechisch scholê (das s und das ch sind getrennt zu sprechen) bedeutet Muße, Freizeit, dort ging man gern von sich aus hin, wenn die lästigen Pflichten erledigt waren. Der Ort, an dem man sich zusammenfand, war das gymnaseion, abgeleitet von gymnos, nackt, denn in erster Linie handelte es sich um den sportlichen Wettkampf, und dort erstrahlte die Herrlichkeit der klassischen Körper ohne störende Verhüllung. Außerdem traf man dort Leute, mit denen sich zu sprechen lohnte, man lauschte den Diskussionen und der Dichtkunst; und besonders schlossen sich, mit deutlich erotischem Akzent, die lernbegierigen Jünglinge den erfahrenen Männern an. Systematischen Charakter erlangt diese Idee von Bildung im vierten Jahrhundert vor Christus, mit Platon, der bei Athen im Hain des Zeus Akademos seine Akademía errichtete. Ihrem Vorbild folgten alle Philosophenschulen, die nun nach und nach entstanden. Philosophie, das war damals noch nicht das eng umgrenzte Fach, das sie heute ist, sondern der Inbegriff dessen, was man wissen konnte und wie man leben sollte. Der Philosoph in seinem Streben nach der Wahrheit schloss die Mathematik, Musik, Literatur und Rhetorik in seine Studien ein, auch die Naturwissenschaft, soweit die Antike so etwas überhaupt betrieb. Nur die praktischen Fertigkeiten hatten hier nichts zu suchen; den Handwerker, banausos, verachteten die Griechen. Dieses Bildungsideal war wiederum den Römern höchst suspekt…

…weiterlesen auf www.sueddeutsche.de

Herbert Hefter, Alkibiades — Staatsmann und Feldherr, Darmstadt 2011

Besprechung von Johan Schloemann in der Süddeutschen Zeitung vom 24. Mai 2012:

Der schönste, schlauste und verschlagenste aller Griechen: Eine neue Biografie über den Populisten und Militärstrategen Alkibiades

Alkibiades, Sohn des Kleinias, war für das Publikum im demokratischen Athen so etwas wie eine Mischung aus Karl-Theodor zu Guttenberg, Gerhard Schröder und Diego Maradona. Er war von allerfeinster aristokratischer Herkunft, eine Ausnahmeerscheinung, verwöhnt, exzentrisch und rücksichtslos, von Anfang an imprägniert mit der Überzeugung, allen anderen Bürgern überlegen zu sein. Er trug lange Haare und Luxuskleidung, war heiss begehrt von päderastischen Männern und affärenhungrigen Frauen. Er war für jeden Sex- oder Blasphemie-Skandal zu haben, doch immer wieder erlagen die Leute seiner Ausstrahlung und verziehen ihm vieles.

Zugleich stellte sich Alkibiades, genau wie sein Ziehvater, der grosse Staatsmann Perikles, als Adelsspross in den Dienst der athenischen Demokratie. Es war gerade die im fünften Jahrhundert vor Christus etablierte radikale Direktdemokratie, die charismatischen Elitenpersönlichkeiten in Athen politische Wirkung ermöglichte. Der eloquente Machtmensch Alkibiades verband Bildung — Sport, Jagd, Tanz, Musik, Literatur, Philosophie — und hedonistische Eleganz mit skrupelloser Gewalt und Schlitzohrigkeit. Die einfachen Bürger, die letztlich per Mehrheitsentscheid in der Volksversammlung über die Geschicke der Stadt zu entscheiden hatten, fürchteten, aber liebten diesen Mann. Sie waren im dem Masse stolz auf ihn, wie er ihren Stolz weckte, Athener zu sein. Obwohl er mit gewagten Manövern einiges Unglück über Athen brachte, verehrte man Alkibiades wie einen Fliegerhelden im Zweiten Weltkrieg, der zugleich seinen durchtrainierten Körper wie ein Calvin-Klein-Model der Öffentlichkeit präsentiert.

Man nehme nur einmal ein einzelnes Jahr, nämlich 416 v.Chr.: In diesem Jahr überlebte Alkibiades ein Scherbengericht, also eine Abstimmung über eine mögliche Verbannung aus der Heimat. Im selben Jahr setzte er die denkbar brutalste Eroberung, ja Vernichtung der widerspenstigen Insel Melos durch — die erpresserischen ‘Verhandlungen’, die die Athener damals mit den Meliern führten, gelten in der Form, in der der Historiker Thukydides sie wiedergibt, als die klassische Formulierung des realpolitischen Rechts der Stärkeren.

Das Jahr 416 sah aber auch Alkibiades wie einen Showstar bei den Olympischen Spielen antreten — mit gewaltigem Aufwand gelang es ihm, den ersten, zweiten und vierten Platz in der Disziplin des Pferderennens mit seinen Gespannen zu gewinnen. Und im selben Jahr 416 spielt auch das ‘Symposion’ von Platon, der grosse Dialog über die Liebe. Da platzt Alkibiades als betrunkener Party-Crasher in die gepflegte Diskussion des Gastmahls hinein, begleitet von einem musikalisch-erotischen Gefolge, und er schwärmt dann in hohem Ton von seinem geliebten Sokrates, der Zentralfigur des Gesprächs. Von Sokrates wurde Alkibiades philosophisch geschult und erotisch gereizt. Der Weise wiederum, so heisst es in Hölderlins Gedicht, neigt eben im Alter dem Schönen zu.

Doch Mässigung und Wahrheitssuche waren des Schülers Sache nicht. ‘Man sollte keinen Löwenwelpen in der Stadt aufziehen’, heisst es in einer zeitgenössischen Komödie: ‘Wenn der Löwe erwachsen ist, muss man sich ihm fügen.’Und das taten die Athener auch immer wieder, trotz atemberaubender Seitenwechsel.Bei allen Spleens und historischen Besonderheiten gilt: Jeder Populist kann bis heute von Alkibiades lernen.

Damals kämpfte Athen nicht gegen den IWF oder Angela Merkel, sondern gegen den Rivalen Sparta. Alkibiades, im Jahr 420 erstmals zum Strategen gewählt, versuchte alles, mit raffinierter Bündnispolitik und militärischen Tricks. Er überredete die Athener zum fatalen Ausgreifen mit einer Riesenflotte nach Westen — die Expedition nach Sizilien kostete schliesslich über 10000 Bürgersoldaten plus Verbündete das Leben. Sizilien war das Vietnam Athens. Alkibiades, der schon vorher wegen einer Blasphemie-Anklage des Kommandos enthoben wurde, machte sich davon, wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt und tauchte ausgerechnet beim Erzfeind Sparta auf, wo er sich als Berater im Krieg gegen die eigene Heimatstadt andiente.

Das blieb noch lange nicht die letzte unglaubliche Volte; Alkibiades wechselte zum Satrapen des persischen Grosskönigs im Westen der heutigen Türkei, führte Geheimverhandlungen mit den antidemokratischen Putschisten in Athen, um sich dann wiederum zu den demokratiefreundlichen athenischen Truppen zu schlagen, die auf Samos stationiert waren. Diese empfingen ihn nach all dem Hin und Her wieder als Erlöser – seine persönliche Wirkung muss enorm gewesen sein. Im Osten, zwischen Hellespont und Bosporus, gelang ihm auch mit dem Sieg in der Seeschlacht von Kyzikos (410) seine genialste taktische Leistung, die bis heute von Militärhistorikern wie Donald Kagan studiert wird. Der Peloponnesische Krieg gegen Sparta ging trotzdem verloren, Alkibiades starb 404v. Chr. auf der Flucht in Asien durch ein Attentat in den Armen einer Hetäre. Die Nachwelt fragte immer wieder: Was hätte er mit seinen Fähigkeiten in anderer historischer Lage erreichen können?

Der Wiener Althistoriker Herbert Heftner hat jetzt eine Biografie über Alkibiades geschrieben. Sie ist deutlich nüchterner und braver als ihr Gegenstand, enthält aber alles, was man heute über Alkibiades wissen und sagen kann. Das Buch sieht ihn als ‘Repräsentativfigur einer glanzvollen, aber labilen und in sich widersprüchlichen Epoche’. Nach der Lektüre kann man auch in unseren Zeiten wieder nach solchen Figuren Ausschau halten. JOHAN SCHLOEMANN

HERBERT HEFTNER, Alkibiades — Staatsmann und Feldherr, Darmstadt 2011

(SZ vom 24.05.2012)

Prof. Dr. Walter Scheitel und Elijah Meeks (beide Stanford University) eröffnen mit dem Stanford Geospatial Network Model die Möglichkeit, Reiserouten im Imperium Romanum des 2. Jh. n. Chr. darzustellen, wie man es von Google Maps etc. kennt. Es lassen sich Kosten und Zeitbedarf errechnen; auch die Art (schnellste, kürzeste, billigste Route) und Weise einer Reise (zu Fuss, mit Maultier, Pferd, Ochsenkarren etc.) lassen sich vorbestimmen. Je nach Jahreszeit kann es zu Abweichungen der Routen kommen, da bestimmte Wege nicht immer offenstehen. So werden z.B. für Seereisen je nach Monat Wind, Strömung und Wellenhöhe berücksichtigt. Das Modell basiert auf einer vereinfachten Version des riesigen Netzes von Städten, Strassen, Flüssen und Seewegen, welches um das Jahr 200 n. Chr. bestand, einige Städte und Strassen, die erst in der Spätantike angelegt wurden, sind ebenfalls in die Liste der 751 Orte und Objekte aufgenommen worden.

Stanford Geospatial Network Model: http://orbis.stanford.edu
Vollständige englische Beschreibung: hier (PDF)
PPT-Folien des Entwicklers des Systems (Elijah Meeks): hier (Google-Doc)

Karthago—London (grün: billigste, gelb: kürzeste, magenta: schnellste Route)