Quelle: Süddeutsche Zeitung, 1. Oktober 2026, Nr. 226, S. 12
Theater wie Netflix, nur besser
Mit Roland Schimmelpfennigs Argonauten-Zyklus „Fremde Sonne“ setzt Karin Beier am Deutschen Schauspielhaus Hamburg ihre Antikenserie fort. Ein Ereignis von acht Stunden Dauer.
Von Christine Dössel
Am Ende reißt es zwar nicht das gesamte Publikum von den Sitzen, wie man es hier auch schon erlebt hat, doch die Begeisterung ist riesig. Langer, liebender, dankender Beifall. Man spürt Theaterglücksfunken stieben. Der Jubel gilt einem herausragenden Schauspielereignis – einem „Marathon“ von eindrucksvoller Machart und insgesamt acht Stunden Dauer, der sich wohldosiert, mit zuschauerschonenden Pausen, über zwei Tage zog. Künftig kann, wer will, einzelne Folgen des exquisit besetzten Mehrteilers auch gesondert buchen. Exzesserprobte Castorf-Fans können über so einen Häppchen-Schongang nur milde lächeln.„Fremde Sonne“ heißt der neue Antikenzyklus von Roland Schimmelpfennig am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, inszeniert von der Intendantin Karin Beier in Anknüpfung an jenen Überraschungserfolg, der demselben Produktionsteam vor drei Jahren mit dem Theben-Projekt „Anthropolis“ gelang. Damals ging es in fünf Teilen – Überschreibungen der Tragödien von Aischylos, Sophokles und Euripides – um das Haus der Labdakiden und dessen Verstrickung in Gewalt und Unglück. Von Dionysos und Laios über Ödipus bis hin zu Antigone. Antiken-Theater zum Bingewatchen wie bei einer Netflix-Serie. Das Publikum schien nur darauf gewartet zu haben, so groß war der Zuspruch.
Jetzt also die neue Staffel, im Grunde ein Prequel. Denn „Fremde Sonne“ kreist elliptisch um die Argonautensage, also um die Geschichte von Iason und dem Goldenen Vlies, diesen Uralt-Mythos der griechischen Welt, älter noch als die durch die Kinoverfilmung von Christopher Nolan derzeit wieder so beliebte „Odyssee“. Die Antike hat gerade Konjunktur.Ist die „Odyssee“ eine Heimkehrergeschichte, geht es bei den Argonauten um Aufbruch und Eroberung: der Mensch als Raubzügler, Kapitalist und Kolonisator, sogar in der Liebe noch ein Beutegreifer. Schimmelpfennig erzählt davon mit heutigem Blick in vier neu geschriebenen Stücken, „Fremde Sonne I-IV“, wobei er dem ersten Teil („Die Argonauten“) einen 50-minütigen Prolog („Der goldene Widder“) und ein halbstündiges „Zwischenspiel“ in der Höhle eines Zentaur vorangesetzt hat. Man kann deshalb auch von sechs Texten sprechen.
Dadurch, dass Schimmelpfennig die Vorgeschichte mitliefert, reißt er einen erfreulich weiten Horizont auf, mit Platz für theaterbeflügelnde Fabelwesen und Phantasmagorien ebenso wie für ein erklärendes „Who is Who“ der antiken Sagenwelt. Also, es ist so: Der liebeskranke Gott des Meeres verschleppt und vergewaltigt die schöne Sternbildzeichnerin Theophane und zeugt mit ihr einen goldenen Widder, Chrysomallos. Dessen Fell wird als das Goldene Vlies so etwas wie der Heilige Gral der Antike, ein unglaublich wertvolles, Reichtum, Licht und Macht bringendes Teil.
Um dieses zu erbeuten, machen sich Iason und seine Männer mit der Argoauf die Reise ins ferne Kolchis an der Schwarzmeerküste, damals das Ende der Welt. Dort regiert der brutale Aietes, der das Vlies natürlich nicht freiwillig rausrückt. Wie dessen Tochter Medea sich unsterblich in Iason verliebt und ihm hilft, das Fell zu rauben, erzählt Schimmelpfennig in einer therapeutischen Familienaufstellung im zweiten Teil seines Zyklus („Medea in Kolchis“); während der dritte Teil („Medea in Korinth“) die bekannte Tragödie um die nun verlassene Frau, Rächerin und Kindsmörderin variiert. Der Autor greift in diesem Fall auf Euripides und Grillparzer zurück.Im vierten und letzten Teil schließlich („Medea in Athen“), der erst im Februar herauskommen wird, liefert Schimmelpfennig ein Satyrspiel darüber, wie in einem heutigen Kontext Medeas Fort- und Eheleben an der Seite von Aigeus aussehen könnte, dem König von Athen. Wolfram Koch, der ihn spielen wird, kommt bereits gegen Ende von Teil drei lässig (und ein bisschen albern) auf einem Lastenfahrrad angekurvt und verspricht der Ausgestoßenen, gespielt von der zuverlässig tollen Lina Beckmann, Asyl. Wie lakonisch-poetisch Schimmelpfennig den alten Stoff in die Moderne holt, wie nonchalant er Vers- und Alltagssprache verschränkt und aus dem Mythos heraus immer auch die Gegenwart meint und streift, ist virtuos. Es ist eine große Erzählung, die er da schafft, eine überzeitliche Menschheitsgeschichte mit Fantasy-Aspekten, Action- und Liebesszenen, die seinsphilosophische Fragen aufwirft und ins Herz der Finsternis trifft. Dabei macht er nicht mal große Worte und schon gar keinen pathetischen Wirbel, lieber hier und da einen Witz.
Diese Spielvorlage ist eine Steilvorlage für Karin Beier und ihr Granaten-Ensemble. Sie geben dem Theater, was des Theaters ist. Zweieinhalb Jahre haben sie daran gearbeitet. Ein Megaprojekt, uraufgeführt nicht nur auf großer, sondern auf riesengroßer Bühne, gestaltet von Altmeister Johannes Schütz in geradezu erlesener Schwärze, ausgestattet in symbolstarkem Minimalismus. Für die sehr feine Soundkulisse ist Jörg Gollasch zuständig, für die Lichtdramatik Annette ter Meulen. Der magische Dreiklang in der Höhle des Zentauren, das Tropfen von Wasser, die neblige Atmosphäre, das Knarzen im Gebälk – all das ist von ausgesuchter Stimmigkeit und Präzision.
Beier schafft, gerade im ersten Teil, große, beeindruckende Bilder, unterstützt von einem vierköpfigen Bläserensemble und einem Frauenchor mit rhythmisch schlagenden Hölzern und fremdartigem Gesang. Der anfängliche Tanz einer jungen Frau, ein Bild von Unschuld und Schönheit, wird abgelöst von einer Angler-Szenerie auf nasser Bühne, die sich alsbald in eine Fischhalle verwandelt, wo die Menschen von Iolkos fleißig ihrer Arbeit nachgehen. Sie werden reich, der Handel floriert, aber glücklich werden sie nicht.
Später, wenn die Argonauten lossegeln‚ um in die triste Stadt „das Licht zurückzuholen“, gibt es grandiose Schiffsszenen. Ein Heer von muskulösen Statisten legt in Form einer Stabtanz-Choreografie imposante Ruderszenen hin. Die Bühne, im Sturm geflutet, wirft flirrende Reflexe an die Decke. Auf der langen Reise brechen sich Ängste, Paranoia, Lagerkoller Bahn. Grassierender Wahnsinn. Anflüge von „Apocalypse Now“. Bjarne Mädel, seit Langem mal wieder auf einer Theaterbühne, hat als Schiffskoch Amphion eine kultverdächtige Running-Gag-Nummer mit einer von ihm philosophisch aufgeladenen Dose Ravioli. Und der anrührende Kristof Van Boven hat als Flügelwesen – und später in Kolchis als Medeas verkrüppelter und schlussendlich zerstückelter Bruder Absyrtos – ohnehin eine ganz eigene Verzauberungskraft.
Es nötigt einem Bewunderung ab, wie Beier ihre Inszenierung im Griff hat, wie sie sie archaisch aufwallen und dann wieder zur Ruhe kommen lässt, wie sie Kabinettstückchen und komische Intermezzi einbaut. Während einer Umbaupause quetscht sich die schauspielerische Allzweckwaffe Lina Beckmann, der Star des Abends, unterm Vorhang durch, um das Publikum zu bespaßen. Da wird dann Eiskonfekt verteilt, und wenn die Argo in See sticht, knallen im Parkett Konfettikanonen.
Das ist alles so astrein getaktet und well made, dass man sich manchmal fast etwas Störendes wünschte, etwas Ungebändigtes, den Perfektionsrahmen Sprengendes. Nicht gemeint ist damit freilich der krankheitsbedingte Ausfall von Michael Wittenborn zwei Tage vor der Premiere. Schimmelpfennig selbst sprach an seiner Statt die einführenden Verse. Die Rolle des Orpheus, den Wittenborn auf der Argogespielt hätte, ließ man weg, und in der „Medea“-Tragödie sprang der tapfere Samuel Weiss für ihn als Kreon ein, lernte sogar auf die Schnelle den Text, wofür er einen Extra-Applaus bekam. Aber er war halt trotzdem nur ein Einspringer, sein Kreon blass.Man ist natürlich auch verwöhnt. Denn schauspielerisch bietet dieser Theaterraubzug in die Urgründe der Gier unserer westlichen Zivilisation Goldstandard. Mit welch staksig-körperexpressiver Spannkraft etwa Mirco Kreibich den Zentaur Cheiron spielt, ist zum Niederknien furios. Der versoffene Pferdemensch, der sein eigenes Höhlengleichnis entwirft („Fick dich, Platon!“), war einst der übergriffige Lehrmeister von Iason (Devid Striesow) und Herakles (Markus John). Mit klugschwätzerischer Penetranz erscheint er den herangereiften Helden noch immer im Traum, wiewohl sie ihn getötet haben. Szenen von buchstäblich fabelhafter Komik.
Devid Striesow, hier ein Obelix mit strähnigem Blondhaar und Schnauzer, spielt den Argonautenführer Iason als Möchtergernmacker, der insgeheim weiß, dass er „durchschnittlich ist bis auf die Knochen“. Er offenbart seine innere Waschlappigkeit gerade auch in den Szenen mit Medea sehr schön, wenn er auf die Unbedingheit trifft, mit der die dampfwalzende Lina Beckmann als Kolchis-Marilyn ihn niederküsst. Zwar kennt man sie schon, die Kniffe und treuherzigen Blicke dieser Dynamokomikerin. Aber man muss sie einfach lieben.
Die Szenen in Kolchis als Therapiesitzung anzulegen, aus der heraus die Patienten jeweils ihre eigene Version der Geschichte erzählen, ist ein kluger Dreh. Sie kommen dabei ins Spielen, Fragen und Lügen. Was ist die Wahrheit? Wer nutzt wen aus? Wer hat Schuld? Traumatisiert sind sie alle. Neu hinzu kommt in diesem Teil Sebastian Blomberg als sichtlich gestörter König Aietes mit Maschinengewehr und Hackebeil. Ein Psychiatriepatient mit Diktatorkomplex.
So verengt und fokussiert sich die Inszenierung immer mehr, bis sie am Ende fast kammerspielartig – und allzu konventionell – auf die Tragödie zoomt: Medea, von Iason verlassen, tötet ihre zwei Kinder und löscht alles aus. „Rache“, spricht sie, „ist der Untergang der Welt. Nichts schafft größeres Leid.“ Lina Beckmann kann auch das: emotionale Wucht erzeugen. Stampfend, griechisch schreiend, kalt erstarrend. Markerschütternde Unterstützung erhält sie durch einen im gesamten Theatersaal verteilten Chor von Klagefrauen. Die Migrantinnen-Geschichte jedoch, die auch in „Medea“ steckt, die bleibt stark unterbelichtet. Aber man kann nicht alles haben.


