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Die Götter müssen verrückt sein (SZ, 21.7.2026)

Hyperion, Jupiter und Prometheus – warum Zuckerberg, Bezos, Musk ihre Produkte nennen wie Figuren aus der antiken Mythologie.

Quelle: Süddeutsche Zeitung, 21. Juli 2026, S. 9

Prometheus ist der Freund der Menschen, stolzer Vertreter des Titanengeschlechts. Außerdem ist er Pate für Jeff Bezos’ neuestes Unternehmen. Kaum acht Monate nach Geschäftsaufnahme ist das Unternehmen des Amazon-Gründers im glühend überhitzten KI-Hype angeblich schon 41 Milliarden wert. Das Versprechen: Künftig werde KI nicht nur Texte schreiben und Computercode generieren. Sondern physische Objekte wie Autos, Züge oder eben gleich Raumschiffe. Da erschien die Referenz zum Titanen, der der Menschheit das göttliche Feuer schenkte, wohl passend.

Die Hybris ist gar nicht so subtil und Bezos mit seinen Anleihen in der Antike nicht allein. In den vergangenen Wochen und Monaten ploppten in den Vorgärten und Naturschutzgebieten der USA riesige Rechenzentren mit Namen wie Hyperion, Jupiter, Zeus oder Colossus auf. Es gibt sogar noch ein zweites Prometheus-Projekt – ein weiterer Datenpark, diesmal vom Meta-Konzern gebaut. Mit einer Fläche, ähnlich groß wie die Insel Manhattan, und einem Stromverbrauch von annähernd einem Gigawatt – so viel, wie ein Kernkraftwerkblock leistet. Andere Standorte tragen Namen wie The Citadel oder Excalibur. Ein bisschen Größenwahn, ein bisschen Allmachtsanspruch. Man kennt das inzwischen. Dass sich das nun auch in der Nomenklatur niederschlägt, ist da nur konsequent. Technologie, so scheint es, soll den gemeinen Sterblichen wieder ehrfürchtig erschauern lassen.

Im Silicon Valley scheint die Faszination mit der griechischen Mythen- und Sagenwelt überraschend tief zu gehen. Das wäre fast ein bisschen niedlich, würde es im Umkehrschluss nicht auch dazu führen, dass man glaubt, die alleinige Deutungshoheit über den Schoß des Abendlandes zu haben. Wie ist es sonst zu erklären, dass sich etwa Elon Musk – und mit ihm freilich eine ganze Heerschar seiner Sykophanten – seit Monaten an der diese Woche anlaufenden Neuverfilmung der Odyssee abarbeitet? Vor allem wegen vermeintlich fragwürdiger Casting-Entscheidungen und wegen vermeintlich zu bunter Kostüme, die nicht so recht zum eigenen alabasterweißen Bild der Antike passen wollen.

iPod und Myspace sorgten für Identität und Selbstvergewisserung, Technik fühlte sich weich und hilfsbereit an

Ein Blick in die jüngere Technikgeschichte bestätigt den Kulturwandel. Früher waren My- und i- die beliebtesten Vorsilben von neuer Technologie. Der iPod und Myspace, das sorgte für Identität und Selbstvergewisserung. Technik fühlte sich weich und hilfsbereit an, wie ein guter Freund. Dann kamen Start-ups wie Flickr oder Tumblr. Was wie ein willkürlicher Krieg gegen Vokale wirkte, war in Wahrheit der Versuch, bereits belegten Internetadressen auszuweichen. Später wurde Technik mit Produkten wie Siri oder Alexa konsequent anthropomorphisiert. Die Maschine sprach uns mit Frauenstimme an, hörte zu, antwortete geduldig.

Der neueste Trend wirkt da schon deutlich weniger freundlich. Und weil Sprachkonventionen ja auch immer zur Konstruktion der Welt beitragen, lohnt es sich, hier zum Zwecke der Herrschaftskritik noch ein wenig näher hinzuschauen. Denn neben den Vorbildern aus der Antike gibt es noch ein zweites Namensreservoir für zeitgenössische Technologie: Fantasy- und Science-Fiction-Literatur. Zum Beispiel Anduril, Erebor und natürlich Palantir – alles mehr oder weniger gruselige Tech-Firmen. Und Artefakte und Orte aus J. R. R. Tolkiens „Herr der Ringe“-Universum.

Erebor, das ist die sagenumwoben reiche Zwergenfestung im einsamen Berg. Heutzutage wurde daraus eine Digitalbank zur Finanzierung der neuesten Silicon-Valley-Deals. Anduril ist ein mythisches Schwert, im Originalwerk passenderweise auch „Flamme des Westens“ genannt, und steht nun Pate für einen Militärtechnik-Konzern, der autonome Drohnenwaffen entwickelt. Den Namen Palantir kennt inzwischen sogar schon das „Tagesschau“-Publikum, weiß aber womöglich nicht, dass es sich ursprünglich um sogenannte „sehende Steine“ handelt, vor deren Benutzung sogar Übermagier Gandalf zurückschreckt. Selbst die Standorte des Datenkonzerns, der nach Einschätzung von Kritikern anstrebt, das „Betriebssystem“ der westlichen Welt zu werden, sind nach Tolkiens Orten benannt – The Shire, Rivendell und Gray Havens. Seine Softwareprodukte wiederum – Gotham oder Metropolis – sind Anspielungen auf Superhelden-Comics.

To grok ist in dem Buch ein Verb, das so viel wie „grundlegend verstehen“ oder „vereint sein mit“ aussagt

Der Name von Elon Musks Grok-KI stammt dagegen aus einem Science-Fiction-Roman, namentlich „Stranger in a Strange Land“ von Robert A. Heinlein. To grok ist in dem Buch ein Verb, das so viel wie „grundlegend verstehen“ oder „vereint sein mit“ aussagt. Das ist umso lustiger, wenn man weiß, dass das Sprachmodell vor allem dafür bekannt ist, wildeste Rassismusrelativierungen von sich zu geben oder nicht-konsensuelle Nacktfotos zu produzieren. Mit etwas weniger Pennälerhumor nähern sich die beiden großen KI-Konzerne dem Trend. Anthropic nennt seine Sprachmodelle „Mythic“ oder „Fable“. Dazu passt, dass der Zugang zu den vermeintlich übermächtigen KIs neuerdings von der US-Regierung eingeschränkt wird. Open AI hat derweil gleich drei Versionen der neuen GPT-5.6-Reihe im Angebot: Terra, Luna und Sol. Das klingt zwar nicht ganz so titanenhaft, aber immer noch recht bedeutungsschwanger.

Blickt man mit der Branding-Brille auf diesen Trend, ist das sicherlich gar nicht so eine gute Idee. Schließlich lernen schon Marketing-Erstsemester, dass ein guter Name zu ungefähr gleichen Teilen beschreibend, leicht zu erinnern und auszusprechen zu sein hat. Es gibt eigens Agenturen, die fürstlich dafür bezahlt werden, sich vermeintlich gute Markennamen auszudenken. Vielleicht wurden die holprigen Namen aber auch mit voller Absicht gewählt. Wer will schon, dass das Riesenrechenzentrum, das den Anwohnern das Trinkwasser abgräbt, den Strom verteuert, die Natur zerstört – und dann auch noch in aller Munde ist? Man könnte die abseitigen Namen also auch als Insider für die Elite deuten, vermeintlich zu komplex fürs gemeine Volk.

Wie immer wird auch diese Mode mit Sicherheit wieder verschwinden. Bis dahin kann man mit den mehr oder weniger beabsichtigten Parallelen noch ein wenig Spaß haben: Die halbwegs humanistisch Gebildeten wissen, dass es mit Prometheus kein gutes Ende nahm. Als Strafe für seinen Frevel wurde er von den Göttern im Kaukasus an einen Berg gekettet. Dort bediente sich ein Adler an seiner immer wieder nachwachsenden Leber. Den Menschen aber schickte Zeus, quasi als Sippenhaft, Pandora mit ihrer Büchse. Die Gleichnisse schreiben sich fast von selbst.