Go, Igo, Baduk, Weiqi (囲碁)
≡ Menu

THESAVRVS LINGVAE LATINAE – VOX ANNI MMXXV

TLL
Zettelarchiv des TLL (Bildquelle: Wikiartikel «TLL»)

Lateinisches Wort des Jahres 2025 – Die sechs Finalisten des TLL

Der Thesaurus Linguae Latinae (TLL) lädt dazu ein, über das lateinische Wort des Jahres 2025 abzustimmen. Die «Vox Anni»-Wahl geht damit bereits in die vierte Runde – nach früheren Gewinnern wie rescellula, resocio und zuletzt retotatototato.

Bis zum 14. Dezember 2025 (24:00 CET) kann abgestimmt werden; am 17. Dezember wird das Siegerwort bekannt gegeben.

Zur Wahl stehen sechs ungewöhnliche, witzige und sprachhistorisch faszinierende Begriffe – alle neu im TLL-Faszikel R12 (von reus bis robustus) belegt. Die vollständige Vorstellung findet sich im Parerga-Blog, die der hier folgenden Beschreibung zugrunde liegt.

TLL
Der neue R-Faszikel (XI 2, 12): von reus bis robustus – Foto: M. Ottink

Die sechs Kandidaten im Überblick

1. rhabdomantia – «Wahrsagerei mit einem Stab, Stabweissagung»

rhabdomantia
Artikel: F. Spoth

Ein selten belegter, ursprünglich griechischer Fachbegriff für Stabweissagung, der vor allem bei Hieronymus und Julian von Eclanum auftaucht. Beide Autoren kennzeichnen das Wort ausdrücklich als fremd. Trotzdem nimmt der TLL es auf – als hilfreichen Orientierungspunkt für alle, die sich durch spätantike Texte lesen.

2. rhoezos – «Geräusch, Rauschen, Getöse»

rhoezos
Artikel: H. Beikircher

Das vielleicht rätselhafteste Wort der Liste. Es findet sich nicht einmal sicher im lateinischen Textbestand: Die moderne Forschung vermutet rhoezos bzw. rhoezo als Korrektur einer verderbten Stelle im Catalepton 5.2 (zugeschrieben Pseudo-Vergil). Das Wort bezeichnet im Griechischen das schwirrende, zischende Geräusch von Bewegung – etwa von Pfeilen oder Flügeln – und wird im lateinischen Kontext als Bild für rhetorisches «Geschwätz» gelesen.

3. rhonchissator – «Schnarcher»

rhonchissator
Artikel: H. Beikircher

Gebildet aus rhonchus («Schnarchen») + -issare (Verbalisierung) + -tor (Agensendung). Wo Plinius noch von stertentium sonitus («Geräusch von Schnarchenden») spricht, setzt ein spätantiker Glossator auf maximale Anschaulichkeit: rhonchissator – der Schnarcher.

4. rir – das Knurren eines Hundes

rir
Artikel: J. Blundell

Wie knurrt ein Hund auf Latein? Rir lautet die Antwort. Zugleich erklärt sie, warum die Römer den Buchstaben R die littera canina («Hunde-Buchstabe») nannten. Der Ausdruck begegnet in der antiken Etymologie des seltenen Verbs ringor («knurren, die Zähne fletschen»).

5. risum – «Reis» (Akk.)

risum
Artikel: J. Blundell

Das bekannteste Wort für «Reis» ist oryza. Doch die Variante risum / risi zeigt bereits den Weg zu modernen Formen wie italienisch riso oder französisch riz.

Der sprachhistorische Weg:

  • oryzaoriza (y > i)
  • Verlust des Anfangsvokals (Aphaeresis) → riza
  • später Wandel zu risum / risi

Belegt ist das Wort in einer spätantiken lateinischen Übersetzung eines griechischen medizinischen Textes – dort wird der therapeutische Einsatz von Reisbrei diskutiert.

6. roba – «Kleidung»

roba
Artikel: H. Beikircher

Zum italienischen roba sowie das französische robe (und damit auch das englische robe) muss ein Vorläufer im gesprochenen Latein existiert haben, der Nachweis dafür ist nur indirekt und eher vage. Die besten Belege finden sich bisher nicht in einem lateinischen Text, sondern in einer einmaligen Entlehnung ins Altgriechische. Die griechische Inschrift, die dieses Lehnwort enthält, nennt die Identität eines Mannes, der in der Küstenstadt Korykos bestattet wurde. Sie lautet: «(Dies ist der) Sarkophag des Marinos, Näher von Kleidern (robōn)». Die etymologische Erklärung führt aus, dass roba aus einem germanischen Wort entlehnt wurde (vgl. engl. rob, deutsch geraubtes Gut, besonders geraubte Kleidung).

Wie wählt man?

Der TLL lädt alle Latinisten, Lehrkräfte, Studierenden und allgemein Sprachbegeisterten ein, ihr Lieblingswort zu küren.

Die Abstimmung erfolgt online – offen bis zum 14. Dezember 2025. Den Link zur Abstimmung findet man im Originalartikel.