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De familia Romana

Hunderte Papyrusrollen aus der römischen Villa dei Papiri in Herculaneum wurden beim Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 n.Chr. verkohlt. Seit ihrer Wiederentdeckung in den 1750er Jahren war es aufgrund ihres fragilen Zustands fast unmöglich, die darin enthaltenen Werke der antiken Literatur zu entziffern, ohne die Rollen zu beschädigen oder zu zerstören — bis jetzt!!!

Die vom Gewinnerteam entzifferte Papyrusrolle.


Ergebnis des Versuchs, eine verkohlte Rolle zu entrollen.


CT-Scans und KI könnten die verkohlten Papyri von Herculaneum wieder lesbar machen! (Bild: © EDUCELAB)

Die erste Phase der Vesuvius Challenge ist abgeschlossen: Dank KI konnten erste Passagen eines bisher unbekannten antiken Textes aus den Papyri von Herculaneum entziffert werden.

Am 15. März 2023 starteten Nat Friedman, Daniel Gross und Brent Seales die Vesuvius Challenge, einen weltweiten Wettbewerb mit einem Preisgeld von über einer Million Dollar zur Entzifferung antiker Papyrusrollen, die als Papyri von Herculaneum bekannt sind. Diese im 18. Jahrhundert entdeckten Schriftrollen wurden beim Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 n. Chr. verschüttet und verkohlten. Die Herausforderung bestand darin, innovative Techniken zu entwickeln, um die Schriftrollen zu lesen, ohne sie zu beschädigen, wobei Computer Vision, maschinelles Lernen und intensive Zusammenarbeit zum Einsatz kamen.
Ein knappes Jahr später, im Dezember 2023, wurde die Herausforderung erfolgreich abgeschlossen: Das Gewinnerteam wurde gestern auf der Website der Vesuvius Challenge bekannt gegeben. Der mit 700.000 US-Dollar dotierte Hauptpreis ging an Youssef Nader, Luke Farritor und Julian Schilliger, die ein “Super-Team” bildeten, um mit einer Kombination aus drei verschiedenen Modellarchitekturen die am besten lesbare Einreichung zu erstellen. Ihr Beitrag erfüllte die Kriterien des Wettbewerbs: vier Passagen mit jeweils 140 Zeichen, von denen mindestens 85 % lesbar waren.

Erster Text stammt wohl von Philosophen Philodemus

Die Vesuvius Challenge bestand aus drei Hauptphasen: Scannen der Rollen mit Röntgentomografie, Segmentierung der Scans, um die zerknitterten Schichten des gerollten Papyrus zu rekonstruieren, und Erkennung der Tinte in den geglätteten Segmenten mithilfe von KI. Der Beitrag des siegreichen Teams enthielt den leistungsstärksten Ansatz zur automatischen Segmentierung, ein Tool namens ThaumatoAnakalyptor (grob Wunder-wieder-Entdecker) von Julian Schilliger, das massive Papyrussegmente aus mehreren Rollen erzeugte.
Das Ergebnis der Herausforderung enthüllte etwa 5% der ersten Rolle, die einen bisher unbekannten Text aus der Antike enthält. Vorläufige Transkriptionen deuten darauf hin, dass es sich bei der Rolle um einen philosophischen Text von Philodemus handelt, einem epikureischen Philosophen, der wahrscheinlich der Hausphilosoph der Villa war, in der die Rollen gefunden wurden. Der Text handelt von den Freuden des Lebens und davon, was das Leben lebenswert macht, so das Team.

Zweite Phase soll 90 Prozent aus vier Schriftrollen entschlüsseln

Die Vesuvius Challenge geht nun in die zweite Phase mit dem Ziel, 90 % der vier gescannten Schriftrollen zu lesen, indem der Segmentierungsprozess automatisiert und die automatischen Segmentierungstechniken perfektioniert werden. Der Hauptpreis 2024 wird an das erste Team vergeben, das dieses Ziel erreicht. Die Organisatoren planen außerdem, ein kleines Team für Software und maschinelles Lernen einzustellen, das mit der Community zusammenarbeitet, um den Stand der Technik in diesem Bereich weiterzuentwickeln.
Mit dem Erfolg der Vesuvius Challenge ist die Möglichkeit, alle 800 Schriftrollen der Herculaneum-Sammlung zu lesen, Realität geworden. Dieses gewaltige Unterfangen könnte einen Schatz antiken Wissens freilegen und Einblicke in eine Welt geben, die seit Jahrtausenden verborgen war.

PHerc.Pars. 4 (Institut de France), seit 2000 Jahren keinem Menschen zu Gesicht gekommen: Das Bild wurde von dem mit dem Vesuvius Challenge Grand Prize ausgezeichneten Team von Youssef Nader, Luke Farritor und Julian Schilliger erstellt. Auf dem Papyrusblatt sind fünfzehn Spalten griechischen Textes zu sehen (zehn davon sind hier abgebildet). Dies ist das Ergebnis eines nicht-invasiven Softwareprozesses, bei dem Röntgenbilder verwendet werden, um einen Blick in das Innere der gerollten Schriftrolle zu werfen. © Vesuvius Challenge

Quellen:

Schimpfen wie die alten Römer

In der Benutzung von Schimpfwörtern waren die Römer alles andere als zurückhaltend und zimperlich. Kraftausdrücke und Verbalinjurien waren das Salz jedes Streits, der auf dem Markt, in der Kneipe oder auch im «trauten» Heim (vgl, etwa den Ehekrach zwischen Trimalchlo und Fortunata, Petr. 74) ausbrach. Ein fast unerschöpfliches Reservoir an Schimpfwörtern bieten die Komödien des Plautus; in ihnen wird auf manch einen eine nicht enden wollende Schimpkanonade abgeschossen. Schimpfwörter gehörten auch zum Arsenal der politischen Polemik. Römische Politiker gingen erheblich rüder miteinander um, als es heute vorstellbar ist: Viele Ausdrücke zielten bewusst unter die Gürtellinie. (nach: Karl-Wilhelm Weeber, Alltag im alten Rom, Zürich 1995, S. 300f.)

Nikolaus Christoph Radziwill,
Ierosolymitana peregrinatio, p. 219 (archive.org)

Nikolaus Christoph Radziwill (Mikołaj Krzysztof Radziwiłł, 1549–1616) veröffentlicht 1601 seine Ierosolymitana peregrinatio, einen lat. Reisebericht seiner Pilgerreise nach Jerusalem. Er trat diese Reise 1582 an, die ihn von Venedig auf dem Seeweg über Dalmatien, Kreta und Zypern an die libanesische Küste führte. Er besuchte Damaskus, den See Genezareth und Jerusalem. Auf der Rückreise machte er in Ägypten Halt und besuchte Kairo, die Pyramiden und Alexandria. Im dritten Teil des Berichts (Epistula tertia, 136–281, Argumentum siehe unten) wird der Aufenthalt in Ägypten und insbes. die Begehung von Grabstätten beschrieben. Im weiteren Reisebericht ist dann von mehreren Stürmen die Rede, die der Autor auf die mitgeführten Mumien zurückführt. Das Schiff geriet in Seenot. Die Stürme flauten erst ab, nachdem die Mumien über Bord geworfen worden waren.

Nikolaus Christoph Radziwill,
Ierosolymitana peregrinatio, Epistula tertia, argumentum (p. 136f.)

Einschlägige Textstellen:

  • p. 188: Mumia et eius extrahendi ratio; Idola mumiarum
  • p. 189: Aegyptiorum in exornandis et condiendis defunctorum corporibus diligentia
  • p. 190: Mumia non fortuito, sed diligenter conficitur
  • p. 194: Crocodili Niliaci
  • p. 215: Equi carnes comedentes
  • p. 217: Tempestas atrox
  • p. 228: Mumia in navi deportata tempestatem ciet
  • p. 230: Mumias cur Turcae efferri prohibent

Quellen:

  • Mummies and Magic – Unterhaltsamer Podcast zweier Ägyptologinnen des staatlichen Museums Ägyptischer Kunst München). Die Folge 41 (1.1.2023) behandelt u.a. den Fluch der Mumie, durch welchen Schiffe in Seenot geraten.
  • Nikolaus Christoph Radziwill (Mikołaj Krzysztof Radziwiłł, 1549–1616) (Wiki-Beitrag)
  • Lat. Text (Archive.org): Ierosolymitana peregrinatio illustrissimi principis Nicolai Christophori Radziuili

Latine vertit Ingrides Thiel Iuliacensis.
Quelle: Forum Classicum 2006 (3),240f.
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Loriot, Advent
Es blaut die Nacht, die Sternlein blinken
Schneeflöcklein leis hernieder sinken.
Auf Edeltännleins grünem Wipfel
häuft sich ein kleiner weißer Zipfel.
Eventus adventualis Loriotinus
Livescit1 nox et micant stellae,
caduntque plumae nivis bellae,
quae augent pini cacumina
alba parva lacinia.2

Und dort vom Fenster her durchbricht
den dunklen Tann ein warmes Licht.
Im Forsthaus kniet bei Kerzenschimmer
Die Försterin im Herrenzimmer.
Lux fovens e fenestra illa
in silva visa est tranquilla.
Hic saltuarii3 uxorem
vides per cerei splendorem.
Moratur nixa genibus
mariti in conclavibus.

In dieser wunderschönen Nacht
hat sie den Förster umgebracht.
Er war ihr bei des Heimes Pflege
seit langer Zeit schon sehr im Wege.
In nocte hac pulcherrima
maritum privat anima.
Uxori, cum domum purgabat,
iam dudum graviter obstabat.

So kam sie mit sich überein:
am Niklasabend muss es sein.
Und als das Rehlein ging zur Ruh,
das Häslein tat die Augen zu,
Idcirco secum cogitat:
Ipsa vigilia4 fiat
diei Nicolai festi,
qua traha5 advenit caelesti.
Obdormit iam capreolus,6
nidum petit lepusculus,

erlegte sie direkt von vorn
den Gatten über Kimm’ und Korn.
Von Knall geweckt rümpft nur der Hase
zwei-, drei-, viermal die Schnuppernase,
maritum cum illa aspexit
et recta via cor transfixit.
Leporem fragor7 excitat,
nares scrutantes8 corrugat,9

und ruhet weiter süß im Dunkeln,
derweil die Sternlein traulich funkeln.
Und in der guten Stube drinnen,
da läuft des Försters Blut von hinnen.
tum umbrae noctis eum velant
et stellulae10 amice micant,
cum cruor in cubiculo
stillat e saltuario.

Nun muss die Försterin sich eilen,
den Gatten sauber zu zerteilen.
Schnell hat sie ihn bis auf die Knochen
nach Waidmanns Sitte aufgebrochen.
Uxori nunc est festinandum
ad virum rite11 dissecandum.
Effregit12 more venatoris
truncum13 et ossa paucis horis.

Voll Sorgfalt legt sie Glied auf Glied,
(was der Gemahl bisher vermied),
behält ein Teil Filet zurück,
als festtägliches Bratenstück
Membrum in membro posuit,
quod vivus ille noluit,
et partem carnis asservat,
ut assum14 festum comedat.

und packt zum Schluss, es geht auf Vier,
die Reste in Geschenkpapier.
Da tönt’s von fern wie Silberschellen,
im Dorfe hört man Hunde bellen.
Et quae restant – vigilia quarta –
ut dona ligat fascia arta.15
Tum procul tintinnabula16
circumsonant argentea.
In vico, ut respondeant,
canes solliciti17 latrant.18

Wer ist’s, der in so tiefer Nacht
im Schnee noch seine Runde macht?
Knecht Ruprecht kommt mit goldnem Schlitten
auf einem Hirsch herangeritten!
Quis per nocturnas tenebras
pervolat nives gelidas?
Aurata traha vehitur
Rupertus; cervo trahitur.

“He, gute Frau, habt Ihr noch Sachen,
die armen Menschen Freude machen?”
Des Försters Haus ist tief verschneit,
doch seine Frau steht schon bereit:
»Heus domina, habesne res,
quibus laetentur pauperes?«
Domus est nivibus velata,
sed domina iam est parata:

“Die sechs Pakete, heil’ger Mann,
‘s ist alles, was ich geben kann.”
Die Silberschellen klingen leise,
Knecht Ruprecht macht sich auf die Reise.
»Heus tu, sex fasces19 habeo,
quibus facile careo.«
Mox lene tintinnabulum;
Rupertum aufert cisium.20

Im Försterhaus die Kerze brennt,
ein Sternlein blinkt – es ist Advent.
In domo saltuarii
lucent adventus cerei.

  1. livescere – blauen
  2. lacinia – Zipfel
  3. saltuarius – Förster
  4. vigilia – hier: Vorabend
  5. traha – Schlitten
  6. capreolus – Rehlein
  7. fragor – Knall
  8. nares scrutantes – Schnuppernase
  9. corrugare – rümpfen
  10. stellula – Sternchen
  11. rite – ordentlich
  12. effringere – aufbrechen
  13. truncus – Rumpf
  14. assum – Braten
  15. fascia arta – strammes Band
  16. tintinnabulum – Glöckchen
  17. sollicitus – wachsam
  18. latrare – bellen
  19. fasces – Bündel
  20. cisium – Reisewagen